Ein neuer Österreichischer Wirtschaftspatriotismus

Ein neuer österreichischer Wirtschaftspatriotismus:

5 Thesen, wie wir heimische Wertschöpfung stärken & den Wohlstand von morgen sichern.

Österreich ist mehr als die schöne Kulisse von Bergen, Seen und Schloss Schönbrunn, die wir anlässlich des Nationalfeiertags gerne feiern. Österreich ist ein Land der Erfinder, der Unternehmer und der Leistungsträger. Ein Land, dessen Produkte, Technologien und Innovationen auf der ganzen Welt gefragt sind. Wenn wir am Nationalfeiertag stolz auf unsere Heimat blicken, dann sollten wir auch stolz darauf sein, was unsere Betriebe und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich für unseren Wohlstand leisten. „Made in Austria“ ist mehr als ein Etikett – es ist ein internationales Qualitätsversprechen.

Doch dieses Erfolgsmodell steht zunehmend unter Druck. Wir erleben eine fundamentale Neuordnung der Weltwirtschaft. Die USA setzen auf einen neuen Protektionismus, der mit Zöllen und Handelsbarrieren unseren Wohlstand bedroht. Gleichzeitig erleben wir einen China-Schock 2.0: Massive staatliche Subventionen und Überkapazitäten sorgen dafür, dass chinesische Produkte zu künstlich niedrigen Preisen auf den europäischen Markt drängen. Während andere ihre wirtschaftlichen Interessen immer aggressiver verfolgen, können wir nicht so tun, als würden die alten Spielregeln unverändert gelten.

Ein selbstbewusster österreichischen Wirtschaftspatriotismus ist die Antwort auf diese neue globale Ordnung. Österreich hat mit seinen nationalökonomischen Denkschulen die wirtschaftspolitische Debatte über Generationen international geprägt. Diesen Anspruch müssen wir weiterentwickeln und um eine neue Dimension ergänzen: die konsequente Stärkung unserer eigenen wirtschaftlichen Interessen in einer geopolitisch veränderten Welt.

Was das genau bedeutet, lässt sich anhand von fünf Grundsätzen veranschaulichen:

 

1. Exportnation statt Abschottung: Wirtschaftspatriotismus ist kein Protektionismus, sondern ein klares Bekenntnis zu verlässlichen Partnern.

Österreich verdient jeden zweiten Euro im Export. Deshalb wäre es grundfalsch, auf amerikanischen Protektionismus mit einem europäischen Protektionismus zu antworten. Wer glaubt, Österreich könne seinen Wohlstand hinter neuen Handelsmauern verteidigen, gefährdet genau jenen Wohlstand, den er vorgibt, schützen zu wollen.

Unser Wirtschaftspatriotismus ist kein Rückzug aus der Welt, sondern die ganz konkrete Antwort auf die neuen geoökonomischen Herausforderungen unserer Zeit, in der wir neue, verlässliche Handelspartner identifizieren müssen. Deshalb bekennen wir uns klar zu offenen Märkten und Freihandelsabkommen. Europa muss Handelsabkommen deutlich schneller abschließen und dabei wirtschaftliche Interessen und Wettbewerbsfähigkeit konsequent in den Mittelpunkt stellen. Länder wie Kanada zeigen, dass wirtschaftliche Eigenständigkeit und internationale Zusammenarbeit kein Widerspruch sind. Kanadas Premierminister Mark Carney hat zu Recht auf die Bedeutung neuer Allianzen zwischen gleichgesinnten Staaten hingewiesen.

Handelspartnerschaften müssen dabei immer auch Europas und Österreichs Souveränität und Resilienz stärken: Freihandelsabkommen müssen beispielsweise immer auch Rohstoff- oder Energiepartnerschaften enthalten, die uns Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden verschaffen – und uns damit unabhängiger machen.

 

2. Made in Europe zur Stärkung heimischer Wertschöpfung: Öffentliche Milliarden müssen unserem Standort nützen.

67 Milliarden Euro gibt die öffentliche Hand in Österreich jedes Jahr für die Beschaffung von Produkten und Dienstleistungen aus. Das ist ein gewaltiger wirtschaftspolitischer Hebel, den wir künftig stärker nutzen müssen. Es kann nicht unser Anspruch sein, dass bei öffentlichen Aufträgen ausschließlich der billigste Anschaffungspreis entscheidet, während Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit zu kurz kommen.

Unser Steuergeld muss künftig stärker auch unserem Wirtschaftsstandort zugutekommen. Wir wollen die öffentliche Beschaffung und Fördervergaben konsequent darauf ausrichten, Wertschöpfung in Österreich und Europa zu stärken. Wir wollen künftig – als Weiterentwicklung des bereits bestehenden qualitativen Bestbieterprinzips – noch mehr auf Qualität, Innovation, regionale Wertschöpfung und langfristige Wirtschaftlichkeit schauen. Mit unserer Made-in-Europe-Deklaration haben wir auf Initiative von Bundeskanzler Christian Stocker diesen Anspruch auch für die öffentliche Beschaffung bereits bekräftigt. Dabei muss unser klares wirtschaftspolitisches Ziel auch immer sein, dass aus „Made in Europe“ ein maximales „produziert in Österreich“ folgen sollte.

 

3. Konkrete Maßnahmen statt bloßer Bekenntnisse: Wir treiben Made in Europe konsequent dort voran, wo es möglich ist.

Wirtschaftspatriotismus muss sich in konkreten Maßnahmen niederschlagen. Genau damit haben wir bereits begonnen: Mit dem Made-in-Europe-Ansatz bei der Förderung von Photovoltaikanlagen und Stromspeichern setzen wir gezielte Anreize für europäische Wertschöpfung. Europäisch produzierte Wechselrichter, PV-Module und Speicher werden im Rahmen der Förderung besonders berücksichtigt.

Diesen Ansatz wollen wir überall dort ausbauen, wo es rechtlich möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Dafür wollen wir das Vergabe- und Beihilfenrecht entsprechend weiterentwickeln, einen Aktionsplan für die öffentliche Beschaffung vorlegen und auch den europäischen Rahmen im Rahmen des „Industrial Accelerator Act“ gezielt nutzen. Nicht mit neuen Handelsbarrieren, sondern mit klugen Anreizen und einer selbstbewussten Standortpolitik. Denn für mich ist klar: Wer europäische Wertschöpfung stärken will, muss europäischen Produkten Vorrang geben.

 

4. Stolz auf Leistung statt falscher Bescheidenheit: Made in Austria ist Weltklasse und ein Gütesiegel für Innovation und Qualität.

Österreichs Produkte sind weltweit gefragt – das ist unser hauseigener Wettbewerbsvorteil. Wenn internationale Rennteams auf Hochleistungskomponenten von Pankl aus der Steiermark setzen, wenn österreichische Seilbahntechnik von Doppelmayr Menschen in Mexiko-Stadt von A nach B bringt oder wenn Rosenbauer-Löschfahrzeuge am Flughafen von Doha für Sicherheit sorgen, dann zeigt das: Unsere Unternehmen gehören in zahlreichen technologischen Nischen zur Weltspitze. Erfindergeist, Präzision und Qualität machen uns international erfolgreich.

„Produced in Austria“ muss daher noch stärker zu einem Gütesiegel für Qualität, Innovation und Verlässlichkeit werden. Nur mit einem klaren Bekenntnis zu Innovation, Technologie und Erfindergeist werden wir in Zukunft bestehen können – das heißt auch, Ergebnisse der Forschung nach rascher auf den Markt zu bringen. Die konsequente Umsetzung der Industriestrategie 2035 mit der klaren Definition von neun Schlüsseltechnologien ist dafür die zentrale Grundlage.

 

5. Wirtschaftspatriotismus ist eine Mindset-Frage und beginnt bei jeder Konsumentscheidung.

Ein neuer Wirtschaftspatriotismus ist nicht nur eine Frage politischer Maßnahmen. Er ist auch eine Frage unseres gesellschaftlichen Mindsets.

Wer hohe Qualitäts- und Sozialstandards verlangt und heimische Betriebe stärken will, muss auch bereit sein, Produkte aus österreichischer und europäischer Wertschöpfung bewusst nachzufragen. Plattformen wie Temu oder Shein stehen sinnbildlich für einen Preisdruck, mit dem europäische Produzenten unter unseren Standards vielfach kaum mithalten können.

Natürlich muss Qualität leistbar bleiben. Aber billig ist nicht automatisch besser – und manchmal kommt uns das vermeintlich billigste Produkt langfristig teuer zu stehen. Wir brauchen wieder ein stärkeres Bewusstsein dafür, welchen Wert regionale Produktion, sichere Arbeitsplätze, langlebige Produkte und hohe Standards haben.

 

Wirtschaftspatriotismus heißt nicht, bestehende Strukturen um jeden Preis zu konservieren. Wir wollen nicht die Wirtschaft von gestern schützen, sondern die Wertschöpfung von morgen in Österreich ermöglichen.

Das ist auch ein Auftrag an uns, konsequent an unserer Wettbewerbsfähigkeit zu arbeiten: mit leistbarer Energie, schnelleren Verfahren und unserer Industriestrategie mit klarem Fokus auf Innovation. Unsere Schlüsseltechnologie-Offensive ist der Rahmen, um aus österreichischer Forschung auch österreichische Wertschöpfung zu machen.

Den Nationalfeiertag wollen wir daher nutzen, um einen neuen wirtschaftlichen Anspruch zu formulieren. Unser Wohlstand unser hoher Lebensstandard sind keine Zufälle, sondern das Ergebnis von Leistung, unternehmerischem Mut, Erfindergeist und internationaler Ausrichtung.

Das soll uns auch mehr Selbstbewusstsein geben in Europa – und damit mehr Erfolg auf den Weltmärkten.

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